Die ENAG ist schwer auf Draht

In den Pfingsferien erhält die Ermstalbahn eine elektrische Oberleitung

Mit der Montage der elektrischen Oberleitung bereitet die Erms-Neckar-Bahn AG (ENAG)  die die Ermstalbahn für die Fahrt in die Zukunft als Teilstrecke der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb (RSBNA) vor.

Als elektrifizierte Strecke entspricht die Schienentrasse zwischen Metzingen und Bad Urach von Dezember 2022 an künftig dem aktuellen europäischen Standard. Mit dem Bau der 12395 Meter langen Oberleitung hat die ENAG mit der SPL Powerlines Austria GmbH & Co KG eine erfahrene Fachfirma beauftragt. Um den Fahrdraht während der Pfingstferien  zu installieren, arbeiten die Spezialisten in Tag- und Nachtschichten. In jeder Zehn-Stunden-Schicht werden rund 2000 Meter elektrifiziert.

„Beim Spatenstich für die Modernisierung haben wir im Oktober 2019  versprochen, den Zügen auf der Ermstalbahn das Rauchen abzugewöhnen“, betont der ENAG-Vorstandsvorsitzende Carsten Strähle bei einer Pressekonferenz am Kreuzungsbahnhof in Dettingen-Gsaidt. „Mit dem Aufbau der elektrischen Oberleitung lösen wir dieses Versprechen jetzt termingerecht ein.“  Die Dieseltriebwagen hätten bald ausgedient. Zum Fahrplanwechsel im Dezember erwarte man die die  ersten elektrischen Züge im Ermstal. Diese würden zuvor nach und nach für den Einsatz modernisiert. Von  März 2023 an seien im Erms- und Ammertal nur noch Elektrozüge unterwegs.

 

 

Der ENAG-Vorstandsvorsitzende Carsten Strähle (Mitte) erläutert den Medien am Kreuzungsbahnhof in Dettingen-Gsaidt die Details des Oberleitungsbaus.

Damit die neuen Züge unterwegs Strom „zapfen“ können, ist bis Mitte Juni 2022  auf der Ermstalbahn ein sogenannter Motorturmwagen mit Hebebühne im Einsatz. Das speziell für die Elektrifizierung konstruierte Gleisfahrzeug wird von einem Zwei-Wege-Bagger unterstützt, der sowohl auf der Schiene und auf der Straße fahren kann. Mit den Großgeräten werden der Fahrdraht, über den die Elektrozüge künftig den Strom abnehmen, und das Tragseil, das den Fahrdraht trägt und ihn waagerecht in Position hält, von Kabeltrommeln in langsamer Fahrt abgespult und über hydraulische Auslegearme  mit Lenkrollen in eine Höhe von fünfeinhalb und sechseinhalb Meter geführt. Dort werden Tragseil und Fahrdraht von Monteuren auf beweglichen Arbeitsbühnen „empfangen“ und an den Querträgern an den insgesamt 213 auf Betonfundamenten stehenden  Masten zwischen Metzingen und Bad Urach befestigt.

Nach der  Installation von Fahrdraht und Tragseil müssen noch Hänger zwischen Tragseil und Oberleitung und Stromverbinder montiert werden. Der installierte Fahrdraht verläuft nicht schnurgerade, sondern in einem flachen Zickzack-Kurs, damit er auf den Stromabnehmern eines Zuges stets auf der gesamten Breite hin und her pendelt. Durch diesen Zickzack-Kurs wird verhindert, dass die Stromabnehmer der Züge vom Fahrdraht punktuell stark belastet werden.

 

Für Prof. Dr. Tobias Bernecker, Geschäftsführer des Zweckverbands Regionalstadtbahn Neckar-Alb (RSBNA), ist die Elektrifizierung für viele Autopendler ein Ausweg  aus dem Dauerstau auf der Straße.

„Der Bahnstrom in der Oberleitung raucht zwar nicht,  ist aber trotzdem  gefährlich“, betont ENAG-Projektleiter Thomas Heim. Die Oberleitungen der Bahn hätten eine Stromstärke von über 1000 Ampere und eine Spannung von 15000 Volt. Das sei das 65-Fache einer Steckdose im Haushalt. Um von einem solchen Stromschlag getötet zu werden, müsse der Fahrdraht nicht berührt werden. Wer sich bis auf 1,50 Meter nähere, sei schon in Lebensgefahr. „Kletterpartien auf Oberleitungsmasten sind überhaupt nicht cool, sie sind  lebensgefährlich“, so Heim. Wenn jemand der Oberleitung zu nah komme, könne der Bahnstrom durch die Luft springen, weil der zu zwei Dritteln aus Wasser bestehende menschliche Körper zu einem leitenden Kabel werde.

Für Tobias Bernecker, Geschäftsführer des Zweckverbands Regionalstadtbahn Neckar-Alb (RSBNA), ist die Elektrifizierung ein wichtiger Schritt zur Verkehrswende. Die Ermstalbahn sei Teil des Großprojektes Regionalstadtbahn Neckar-Alb der drei Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb. Das gesamte Schienennetz mit einer Länge von rund 200 Kilometern ermögliche  eine klima- und umweltgerechte Mobilitätswende. In der Region Neckar-Alb seien täglich mehr als 100 000 Autopendler unterwegs, die einen Ausweg  aus dem Dauerstau auf der Straße suchten.

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